Interview mit Armin Lindauer
Herr Lindauer, warum hat es fast zwanzig Jahre bis zur Veröffentlichung der Bilder gedauert?
Weil niemand den Mut hatte, dieses Projekt zu wagen. Über die Jahre habe ich es mehreren, auch namhaften Verlagen in Berlin und in Westdeutschland vorgeschlagen. Alle fanden es hochinteressant und überzeugend, haben dann aber freundlich abgesagt und gemeint, es gäbe dafür keinen Markt. Skurrilerweise wurde ich in Mannheim fündig. Der auf Bildbande spezialisierte Verlag Edition Panorama hatte den Mut und den Glauben an dieses Projekt.
Über welchen Zeitraum haben Sie in Berlin gelebt?
Anfang der achtziger Jahre zog ich zum Studium nach Berlin und habe dort bis heute, obwohl der Schwerpunkt meiner beruflichen Tätigkeit inzwischen in Mannheim liegt, immer noch eine Wohnung und eine Reihe beruflicher Kontakte. Oft bin ich auch für mein persönliches ≫update≪ in Berlin, das heißt Museums- und Galeriebesuche, Typo Berlin oder Alumnitreffen der UdK.
Wann sind die Fotografien entstanden?
Die Aufnahmen vor dem Mauerfall entstanden in den Jahren 1984 bis 86. Einige Reststücke am Potsdamer Platz habe ich 1991 aufgenommen. Dieses musste ein Teil der Hinterlandmauer gewesen sein, das meines Wissens auch nicht mehr existiert. 1999 habe ich dann noch die East Side Gallery fotografiert und 2007 das rekonstruierte Mauerstuck in der Bernauer Straße.
Was war vor dem Fall der Mauer ihre Motivation, die Bemalungen auf dokumentarische Weise festzuhalten, ohne sich über deren historische Tragweite vollends im Klaren zu sein?
Das Ganze war nicht nur dokumentarisch angelegt, sondern hatte auch ein künstlerisches Anliegen im Sinne konzeptioneller Fotografie. Manchmal kann aus einer Dokumentation aufgrund von Präsentation und Aufbereitung mehr werden. Reine Dokumentation gibt es sowieso nicht, denn alles was wir aufnehmen, wird von uns gefiltert. Was aus dem Material wird, weis man vorher nicht, denn es ist nicht abzusehen, wie es sich darstellt. Trotz konzeptioneller Vorgehensweise passiert hier das Meiste intuitiv. Ursprünglich wollte ich eigentlich einen Film machen, bei dem man die Mauer mit einer Kamera abfahrt und dabei immer denselben Abstand und Ausschnitt hat. Dies war aber technisch nicht realisierbar. Deshalb habe ich mit der Kleinbildkamera angefangen. Viele lange Abschnitte waren einfach nur leer und auch das interessierte mich nach kurzer Zeit nicht mehr. Dort wo sich jedoch Parolen oder Statements befanden, ganz gleich ob private, politische oder künstlerische, entstand ein Spannungsfeld zwischen Ort und Inhalt, das ich als hochenergetisch empfand. An diesen Orten wurde alles politisch und selbst ≫hübsche≪ Graffiti wurden zur Kritik der Systeme. Sobald ich diese Tatsache erkannt hatte, konzentrierte ich mich auf diesen Aspekt.
Wie groß war der Aufwand, die Bilder nahtlos aneinander zu fügen?
Die technischen Schwierigkeiten in der Repro waren enorm. Zunächst sind die Fotos auf unterschiedlichen Filmmaterialien aufgenommen und diese sind auch noch unterschiedlich gealtert. Auch wurden die Dias und Negative über die Jahre hinweg durch Benutzung beschädigt, denn es wurde bereits eine Reihe von kleineren Objekten wie Leporellos, Lesezeichen oder Ordnerrucken von einigen Aufnahmen produziert. Letztlich war auch die Montage der Bildstrecken aus bis zu dreißig Bildern eine echte Herausforderung für die Fachleute der Druckvorstufe. Dies alles hat sehr viel Geld und Zeit gekostet.
Worin sehen Sie die Unterschiede der Bemalungen vor und nach dem Mauerfall?
Hier gibt es einen ganz wesentlichen Unterschied. Die Mauer war, das muss man sich immer wieder vor Augen halten, eine Staatsgrenze und das Symbol der Teilung Deutschlands und der Welt. Hier trafen die politischen Systeme Kapitalismus und Kommunismus aufeinander. An einem solchen Ort Parolen niederzuschreiben, hat mit Sicherheit eine andere Relevanz als auf Brückenpfeilern oder Lärmschutzwänden. Die Mauer stand außerdem auf dem Staatsgebiet der DDR und war somit deren Eigentum. Hieraus ergibt sich ein Spannungsfeld aus Politik, Systemkritik und Widerstand, das vermutlich einmalig war.
Ein Qualitätsunterschied?
Das ist offensichtlich. Es erschließt sich beim vergleichenden Betrachten der Bilder. Das sollte aber jeder für sich klären.
(Interview: Michael Löchinger, in: Komma, Magazin der Fakultät für Gestaltung der Hochschule Mannheim, Ausgabe 5 / www.komma-mannheim.de)


