Interview mit Micha Pawlitzki

 

Wie kam es dazu, dass Sie sich mit dem Thema Japan beschäftigt haben?

Ich saß mit Sebastian Wipfler beim Mittagessen zusammen und wir haben Projekte für weitere gemeinsame Publikationen besprochen. Ich hatte Städteportaits von London, Sydney oder San Francisco im Kopf – doch für mich völlig überraschend schlug mir Herr Wipfler Japan als neues Projekt vor. Ich habe mich dann eine Woche damit beschäftigt, ob und wie das Fotografieren in Japan klappen könnte – und bin nach der Lektüre von Landes- und Reiseliteratur, vielen Internetrecherchen und Telefonaten mit europäischen Kollegen in Japan zu dem Ergebnis gekommen, dass es eigentlich völlig unmöglich ist, in Japan in angemessener Zeit hochqualitative Bildbände zu fotografieren. Weil ich jedoch generell zu einem „geht nicht, gibt’s nicht“ neige, hat mich genau diese scheinbare Unmöglichkeit gereizt und ich habe zugesagt.

Nach welchen Kriterien gehen Sie bei der Auswahl Ihrer Motive vor? Gibt es eine bestimmte ästhetische Grundhaltung oder ein spezielles Interesse an spezifischen Raum-/Form-/Farb-Konstellationen, die in Ihren Bildern zum Ausdruck kommen?

Edition Panorama bringt mir als Fotografen einen großen Vertrauensvorschuss entgegen, dass ich bei jedem Projekt, in jedem Land und in jeder Stadt selbständig entscheide, welche Motive ich für relevant halte und fotografisch für so ansprechend finde, dass sie Eingang in eine Publikation finden können. Bei der Motivauswahl muss ich dann also nicht stur eine Liste der 50 touristischen Highlights abfotografieren, sondern ich kann auch Motive aufnehmen, die touristisch vielleicht nebensächlich, aber für den Charakter einer Stadt oder eines Landes viel typischer und aussagekräftiger sind. Ich überlege mir also bei jedem Projekt sehr genau, welche Motive und in welchem Stil ich diese Motive fotografieren möchte, eben je nachdem wie ich eine Stadt oder ein Land erlebe. 
Natürlich fotografiere ich vor Ort auch die bekannten Highlights, in Tokyo z.B. den Tokyo Tower, die Rainbow Bridge oder das Tokyo International Forum. Aber ich versuche immer, auch diese schon so oft fotografierten und publizierten Motive perspektivisch neu, überraschend, in einem besonderen Licht oder einem eindeutigen Stil, einer eigenen Handschrift abzulichten. In Tokyo habe ich z.B. häufig die auffällige Monumentalarchitektur noch dramatischer umgesetzt, als sie ohnehin schon ist. Und weil ich Japan als in der Kunst sehr klar und reduziert erlebe – man denke nur an die japanischen Gärten und Tempelanlagen – habe ich für meinen Japan-Bildband bewusst oft sehr grafische Motive gesucht und fotografiert. 
Dieser fotografische Stil kommt mir ohnehin sehr entgegen. Denn was meine generelle ästhetische Grundhaltung betrifft, so versuche ich immer, sehr intensive, klare und grafische Bilder zu fotografieren. Es geht mir nicht darum, möglichst viel in Bild zu packen, sondern möglichst viel Unwichtiges, das nur von der eigentlichen Bildaussage ablenkt, aus dem Foto heraus zu halten.

Wie bereiten Sie sich auf Ihre Arbeit vor und wie sind Sie während Ihrer Arbeit im Alltag Japans zurechtgekommen?

Ich bereite jede Fotoreise sehr genau vor, oft mehrere Wochen lang und so steht bereits vor dem Abflug ein gewisser Anteil der Motive fest, die ich fotografieren will. Nur über diese sorgfältige Vorbereitung habe ich in der Zeit vor Ort dann die nötige Freiheit, ganz neue Motive zu entdecken, die abseits der ausgetretenen Pfade liegen. Außerdem kann ich mich so stärker auf das Fotografieren konzentrieren und bin nicht die ganze Zeit mit reiner Motivrecherche beschäftigt. 
Die Vorbereitung auf meine Fotoreisen in Japan waren außergewöhnlich aufwendig – aus dem einfachen Grund, dass viele für mich relevante Informationen nur auf Japanisch verfügbar waren. Schon ganz simple Vorgänge wie das Anmieten eines Autos oder das Finden eines Hotels im Hinterland wurden so ohne fremde Hilfe zu einem Abenteuer. Auch das Autofahren vor Ort ist für Ausländer gewöhnungsbedürftig, weil die Autonavigation ausschließlich auf Japanisch ist. Die Möglichkeit, Schilder und Hinweistafeln lesen zu können, wäre gelegentlich auch hilfreich gewesen: so hätte ich z.B. rechtzeitig und nicht erst durch die weit aufgerissenen Augen der Insassen entgegenkommender Autos gemerkt, dass ich als Geisterfahrer auf einer einspurigen Passstraße unterwegs war, dass ich in der überfüllten Fußgängerzone von Nagano nicht hätte fahren dürfen und dass Parkplätze in entlegenen Nationalparks schon mal um 16.00 Uhr per Schranke schließen. 
Trotz all dieser Hindernisse hat in Japan bei mir alles geklappt; vieles hat in der Organisation deutlich länger als normal gedauert, aber ich wurde fast überall selbst ohne langfristige Voranmeldungen empfangen und ich habe die Japaner sehr kooperativ erlebt. So durfte ich z.B. als erster westlicher Fotograf mit Stativ im Inneren des National Art Centers in Tokio fotografieren, viele Tempel und Schreine haben mir Ausnahmegenehmigungen zum Fotografieren gegeben, ich durfte für Stadtüberblicke auf die Dächer vieler Wolkenkratzer. Japaner haben mich spontan zum Essen eingeladen oder sind auf dem Mofa oder im Auto vor mir hergefahren, damit ich ein bestimmtes Motiv finde. Und sogar im um 16.00 Uhr geschlossenen Nationalpark hat sich eigens eine Gruppe von vier Männern nach mir auf die Suche gemacht und unterwegs aufgesammelt...

Wie haben Sie die Kontraste zwischen Tradition und Moderne der japanischen Gesellschaft wahrgenommen? 

Japaner können sich für alles begeistern, was modern, technisch neu oder herausfordernd zu konstruieren ist. Gleichzeitig habe ich bei den Japanern ein sehr starkes Traditionsbewusstsein erlebt. Zum Beispiel im Pflegen ihrer traditionellen Kunst wie japanischer Kalligrafie, Holzschnitte, Keramik oder Lackwaren. Oder im gleichberechtigten Nebeneinander von High-Tech-Konsumtempel und nebenan einem kleinen, schlichten Tempel oder Schrein. Ich habe in Japan auch eine in das Alltagsleben eingebettete Religiosität erlebt, die von auffallend vielen Menschen gepflegt zu werden scheint. Überall im Land sind tausende Tempel und Schreine zu finden, zu denen den ganzen Tag über Gläubige kommen, um zu beten oder zu opfern. Vielleicht war auf meinen Reisen diese Wahrnehmung, dass sich in Japan Moderne und Tradition in unaufgeregter Weise ergänzen, eine der bereicherndsten Erfahrungen für mich.

Sie haben Ihren Blick auch auf Megastädte wie Tokio gerichtet. Kann man Unterschiede zu westeuropäischen Metropolen feststellen?

Meine auffälligste Wahrnehmung war schon beim Überfliegen und beim ersten Durchfahren der Stadt, dass ich Tokio im Vergleich zu europäischen oder amerikanischen Großstädten noch wesentlich enger und dichter erlebt habe. Japan ist flächenmäßig nur 5% größer als Deutschland, aber es leben 55% mehr Menschen dort. Gleichzeitig müssen sich die 127 Millionen Japaner auf nur 3% der Landesfläche Japans drängen, weil die größten Teile des Landes aufgrund geografischer Besonderheiten nicht besiedelt werden können. Daher herrscht besonders in den Großstädten wie Tokio oder Osaka extreme Platznot. Allerdings beflügelt diese Platznot offenbar auch die Fantasie der Architekten in Japan: Fußballplätze mit umlaufenden riesigen Netzen werden auf die Dächer von Hochhäusern verlegt; öffentliche Parkplätze werden auf engstem Raum mit ausgeklügelten Aufzugsystemen in die Höhe gebaut. Landgewinnung im Meer ist ein omnipräsentes Thema und so wurden der Kansai International Airport und auch gleich der ganze Tokioter Stadtteil Odaiba flugs als riesige Inseln im Meer aufgeschüttet und bebaut. Diese Enge ist jedoch nicht nur auf den physischen Raum beschränkt, er prägt auch die Japaner und ihr Verhalten. In einer solchen Enge gibt nur wenig Raum für persönliche Entfaltung und echte Individualität. Morgens und abends drängen sich Heerscharen von uniform gekleideten Männern in die U-Bahnen, in denen Hinweistafeln darum bitten, Rucksäcke von den Schultern und die Hände aus den Hosentaschen zu nehmen, um Mitreisende räumlich nicht einzuschränken. Das Wohl des Kollektivs, der Konsens, stehen sichtbar über dem individuellen Wohlbefinden. Japanische Jugendliche brechen zwar über schrille Kleidung oder unkonventionelle Haarschnitte und -färbungen aus diesen Konventionen aus, doch das Gros der japanischen Gesellschaft ordnet sich ohne jedes Lamentieren in diese unabdingliche Enge und Lebensform ein.
Neben dieser unübersehbaren Enge habe ich aber auch im japanischen Alltag die wunderbarsten und skurrilsten Unterschiede zur europäischen Lebensart und -kultur festgestellt. So gibt es in Tokio und ganz Japan an fast jeder Straßenecke einen der insg. über 5 Millionen Getränkeautomaten – seltsamer Weise aber nirgends weder Mülleimer noch herumliegende Dosen. In Japan werden als Zeichen höchsten Genusses Suppen lautstark schlürfend verzehrt, gleichzeitig ist selbst dezentes Naseputzen in der Öffentlichkeit verpönt. In allen Städten laufen Menschen mit Gesichtsmasken durch die Straßen – selbige haben übrigens häufig weder Straßennamen noch in einer nachvollziehbaren Abfolge Hausnummern. Entgegen ihrem ansonsten oft eher uniformierten, offiziellen Auftreten scheint bei Japanern privat alles, was blinkt, leuchtet, quiekt, glitzert und kitschig ist, hoch im Kurs zu stehen. Abschiedsrituale zwischen Geschäftspartnern können auf der Straße durchaus Minuten dauern und in bandscheibenschädigenden Verneigungsorgien müden. In Supermärkten gibt es fast keine Milchprodukte zu kaufen, dafür umso mehr ebenso wundersame wie undefinierbare Algen- und Fischprodukte. Die Servicequalität in Geschäften erreicht in Japan einen sagenhaften Level; genauso hoch ist das Level der allgemeinen Verpackungskunst: Um durch die gefühlten 15 Verpackungsschichten an ein – letztlich sehr kleines – Stückchen Schokolade zu gelangen, bedarf es entweder viel freier Zeit oder eines lehrreichen Abendschulkurses. Taxifahrer, Polizisten und auch Fotografen arbeiten mit weißen Handschuhen. Die Sitze von Hoteltoiletten sind in rückenfreundlichen Winkeln arrangiert, dazu wohltemper- und deodoriert und in den passenden Momenten musikalisch beschallt. In U-Bahnen spielen 9,9 von zehn Japanern mit ihren neuen technischen Errungenschaften und japanische Kinder kommen offenbar bereits mit einem Handy in der Hand zur Welt... Ich habe Tokio und Japan als eine völlig andere Welt erlebt, die meinen Erfahrungshorizont aber ganz wunderbar erweitert hat.

Zurück zum Buch