Vorwort von John Keay (Auszug)
Nicht mit Bauten begrüsst Angkor seine Besucher, sondern mit Bäumen. Chaotischen Säulengängen gleich und glatt wie Silber marschieren ihre verflanschten und verstrebten Rümpfe über den Waldboden. Ihre schiere Größe ist einschüchternd, ihre Gelassenheit gleicht der von Statuen und sie wirkt zermürbend mit ihrem Gewebe aus Lianen und verstohlen kletternden Kriechpfl anzen. Dieser unheimlichen Erhabenheit weiß keine Schauerromantik etwas hinzuzufügen. So überheblich ist die Architektur der Natur, dass ihre Herausforderung durch den Menschen einer Verrücktheit gleicht. Im grünen Ozean des Waldes bedeutet der große zentrale Turm von Angkor Wat nicht mehr als ein U-Bootperiskop aus Stein. Kleinere Denkmäler schmiegen sich in Lichtungen, wie Aussichtspunkte im prächtigen Landschaftspark. Man würde eher das Geschick eines Landschaftsgärtners erwarten, als die Visionen eines Stadtplaners, eines Meisterarchitekten oder eines monumental denkenden Steinmetzes. Erst nähere Vertrautheit mit den Terrassen und Galerien, den unzähligen Durchgängen und steilen Steintreppen zwingt zur entschiedenen Neubewertung. Der gigantische Maßstab der Anlagen von Angkor – „ihre Dimensionen in Kilometern ausgedrückt“ wie Francis Garnier es formuliert hat – stellt sich gegen die unermessliche Ausdehnung des Waldes, während die Kunstfertigkeit ihrer bildhauerischen Details sich der Bedrohung durch die Natur entzieht. Es bleiben jedoch ungelöste Rätsel. Warum eine Stadt mitten in den Dschungel bauen? Wie konnte ein Waldkönigreich die Fertigkeiten und Materialien aufbringen, die gebraucht wurden, um in dieser Größenordnung zu bauen? Und was führte dazu, dass Angkor so schnell und so vollständig aufgegeben wurde? Schon im Jahre 1600 war die Existenz von Angkor im Westen bekannt, aber es dauerte noch 260 Jahre bevor jemand tatsächlich dorthin gelangte. Das war angemessen. Angkor war schon immer im gleichen Maße Vorstellung wie Wirklichkeit und es ist fast unmöglich, es heutzutage ohne eine vorgefasste Einstellung zu besuchen. Die frühesten Denkmäler stammen aus dem neunten Jahrhundert nach Christus, die großartigsten (Angkor Wat, der Bayon und Angkor Thom) – aus dem zwölften und dreizehnten Jahrhundert. Verglichen mit anderen antiken Städten ist das nicht besonders antik. Rom ist doppelt und der Parthenon dreimal so alt. Darüber hinaus ist Angkor als Stadt nicht besonders überzeugend. Im Gegensatz etwa zu Byzanz hat Angkors Lage kein strategisches Potenzial; anders als bei Petra und Palmyra liegt es auch an keiner wichtigen Handelsstraße und das noch immer sumpfi ge Mekong Delta konnte – anders als der Nil bei Kairo – nie zur Grundlage einer fl orierenden Landwirtschaft werden. Am merkwürdigsten jedoch ist es, dass es unklar bleibt, in welchem Ausmaß die Gebäude von Angkor überhaupt jemals bewohnt waren. Die weltweit umfangreichste Sammlung antiker Denkmäler ist daher auch die historisch geheimnisvollste. Die Inschriften sind jetzt entziffert, die Bas-Reliefs katalogisiert und die Ikonografi e erforscht. Aber auch heutzutage ist der Besucher kaum besser informiert über die Dynamik des Staatswesens von Angkor und die Konstruktion und Funktion seiner Gebäude als es die Entdecker des neunzehnten Jahrhunderts gewesen waren. Der erste dieser Entdeckungsreisenden war Henri Mouhot (1826–1861) ein französischer Naturforscher, der nur wenig von seiner Entdeckung verstehen konnte und kurz danach verstarb. Aber seine Tagebücher überlebten und ihre posthume Veröffentlichung erlaubte dem Westen einen ersten Blick auf das außerordentliche Ausmaß der Monument von Angkor. Eine französische Schiffsexpedition, die im Jahre 1866 den Mekong erforschen sollte, wählte sich Angkor als Sammelpunkt. Die Beschreibung der Monumente durch Leutnant Francis Garnier war die bis dahin fundierteste und die Zeichnungen von Leutnant Louis Delaporte überzeugten Gelehrte wie Romantiker davon, dass Angkor tatsächlich etwas Einzigartiges sein musste. Garnier bemerkte, dass sogar die größten Felsbrocken poliert worden waren, indem sie „gegeneinander gerieben“ worden seien um eine genaue Passform zu erreichen. Er verfolgte die Herkunft des...

