Textauszug

Schneebedeckte Gipfel, saftige Wiesen, glückliche Kühe, barocke Kirchen, Weißwürscht und Brezn, rote Geranien vor hölzernem Balkongeländer, Gamsbart und Schuhplattler, endlose Wälder, tiefblaue Seen, alte Städte mit mittelalterlichen Mauern und engen, kopfsteingepflasterten Gassen, Maßkrüge, Märchenschlösser und über all dem ein stets weiß-blauer Himmel. Ist das wirklich Bayern? Oder sind dies nur Klischees, die zu Bayern gehören? Klischees, die den Freistaat zum beliebtesten Reiseziel Deutschlands machen und damit einen milliardenschweren Wirtschaftszweig schaffen. Bilder, die die Fantasie anregen und Träume wecken von einer heilen Welt. Sicher, dies alles gibt es tatsächlich – auch. Doch Bayern ist überall anders. Da ist München, die Landeshauptstadt, die heimliche Hauptstadt des Südens, von der Thomas Mann behauptete, dass sie leuchte. Da ist Oberbayern mit seinem Postkartenidyll der Alpen. Von Besuchern wird Oberbayern als bayerischste Region angesehen. Hier vereinigen sich die meisten Klischees. Dieser Teil, der nur ein Viertel des Flächenstaates ausmacht, ist Synonym fürs Ganze. Dabei kann es Bayerisch-Schwaben samt dem Allgäu allemal mit Oberbayern aufnehmen. Ein dunkler Moorsee mit Badesteg. Uralte Kastanien spenden Schatten in Biergärten, wo Bier aus kleinen, regionalen Brauereien ausgeschenkt wird. Hier grasen braune Kühe auf grünen Almwiesen. Aus der Milch machen die Senner den würzigen Bergkäse. Im Tal dagegen, in uralten Städten wie Kempten oder Augsburg, regiert der Laptop, nicht die Lederhose. Tradition und Moderne, wie Kuhmist und Chemie, Haferlschuhe und Handy. Bayern ist auch Niederbayern, ist die Oberpfalz, Ober-, Mittel- und Unterfranken. All diese Regionen – sie bilden die sieben Regierungsbezirke, in die der Freistaat unterteilt ist – besitzen ihren unverwechselbaren, eigenen Charakter. Die romantischen, zum Wandern und Klettern bestens geeigneten Täler und Berge der Fränkischen Schweiz sind mit Burgen und Schlössern gesprenkelt. An Main, Donau, Altmühl gibt es ideale Radwanderwege und Bootsstrecken. Bei endlosen Wanderungen zwischen Grafenau und Zwiesel braucht es alle Sinne, um den Wald zu erfassen. Den Bayerischen Wald, in dem ein paar Stunden wie Augenblicke vergehen. Im Nationalpark mit dem Großen Arber herrschen Ruhe und Besinnlichkeit. In den fränkischen Weinbergen, im Bocksbeutelland, wachsen die Rieslingtrauben, für deren Weine Kurt Tucholsky schwärmte: „Schade, dass man einen Wein nicht streicheln kann.“ Selbst in Städten, wo Ruhe und sanfte Beschwingtheit schwer zu vermuten sind, finden sich Winkel, Gassen und Plätze mit einzigartiger Ausstrahlung: die Altstädte von Passau, Landshut und Regensburg mit ihrer von italienischen Architekten inspirierten Architektur, die Nördlinger Stadtmauer, Bamberg, Nürnberg und Würzburg. Bayern ist vielfältig und überall anders. Bayern mit „y“, nicht mit „i“. Schuld am Ypsilon sind der Bayernkönig Ludwig I., und seine glühende Verehrung für alles Griechische. Am 20. Oktober 1825 ließ er verkünden, dass die bisherige Schreibweise „Baiern“ passé sei, stattdessen gelte nun „Bayern“ mit dem griechischen Ypsilon. Und dies bis zum heutigen Tag. Sieben Regierungsbezirke, 71 Landkreise, 25 kreisfreie Städte, mehr als zwölf Millionen Einwohner, trotzdem ist mehr als ein Drittel der 70.546 Quadratkilometer Bayerns Waldfläche. Landschaftlich sind vier Großräume im flächenmäßig größten Bundesland vertreten: Ganz im Süden türmen sich die Nördlichen Kalkalpen auf, die sich über 280 Kilometer vom Bodensee bis zum Nationalpark Berchtesgaden hinziehen. Die 2962 Meter hohe Zugspitze ist als Fast-Dreitausender der höchste Berg Deutschlands. Vor dem Hochgebirge liegt das aus eiszeitlicher Moränenlandschaft gebildete, sanft geschwungene und von Seen und Mooren durchzogene Voralpenland. Im Nordosten erhebt sich das Bayerische Mittelgebirgsland, das sich vom größten deutschen geschlossenen Forstgebiet, dem Bayerischen Wald, bis zum Oberpfälzer Wald und in die Fränkische Alb erstreckt. Im Nordwesten breiten sich die Hochflächen des Schwäbisch-Fränkischen Stufenlandes aus, mit dem durch einen Meteoriteneinschlag entstandenen Riesbecken um Nördlingen. „Bayern ist fortan ein Freistaat“, verkündete 1918 der Sozialdemokrat Kurt Eisner und läutete damit das Ende der Monarchie ein. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges bekräftigten die Bayern ihren Freistaat-Status erneut, der kaum etwas anderes besagt, als „von keinem Monarchen regiert“. Im Mittelalter gab es die Bezeichnung „frei“ für Stände, Reichs- und Hansestädte, denen dadurch Steuerfreiheit oder eine eigene Gerichtsbarkeit zugesprochen wurden. Heute hat der Freistaat zwar keine maßgebliche rechtliche Bedeutung mehr, aber eine identitätsstiftende...

