Vorwort von Dr. Andreas Schenk (Auszug)

Ob die Fotografien dieses Bildbandes die Vorder- oder Rückseite der Mauer zeigen, ist, wie so vieles, eine Frage des Standpunktes. Von Westberlin aus gesehen, war es die Vorderseite – die Seite, die im Unterschied zur anderen gefahrlos fotografiert werden konnte und die, obwohl sie zu einer scharf bewachten Grenzanlage gehörte, auf weiten Strecken auch Kunstobjekt wurde, bemalt und besprüht mit illegalen Graffiti. Zwischen den zahlreichen Bildern standen auch Worte und Sätze – Mitteilungen, Parolen und Statements. Eine der vielen Aufschriften lautete: „Hier lacht der Bär“, wie auf einem der Fotos zu lesen ist. Wer immer dies geschrieben hat, meinte wohl das Wappentier Berlins, der damals geteilten Stadt, in der es denn auch zwei Bären gab, einen im Westberliner und einen im Ostberliner Wappen. Auf welchen der beiden Bären sich der Spruch bezog oder ob hier die Einheit der Stadt vorausgesetzt war, bleibt im Unklaren. Zum Lachen aber gab es an diesem Ort, dem Symbol der Unfreiheit und der Spaltung Deutschlands, eigentlich keinen Anlass. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war Berlin in den Sog des Machtkampfes zwischen der Sowjetunion und den Westalliierten USA, Großbritannien und Frankreich geraten, so dass sich die Demarkationslinie zwischen der sowjetischen Besatzungszone und den Westzonen zur innerstädtischen Grenze entwickelte. Wie verhärtet die Front war, zeigte die Berliner Blockade von 1948/49, mit der die Sowjetunion die Bevölkerung Westberlins von der Lebensmittelversorgung abschnitt – ein Akt der Erpressung, gegen den die „Rosinenbomber“ der amerikanischen und britischen Armee erfolgreich anflogen. Die Gründung der BRD im September 1949 und die der DDR im Oktober desselben Jahres zementierten die Teilung. Fortan lebten die Westberliner auf einer – mehr oder weniger – bundesrepublikanisch geprägten Insel inmitten der DDR, während die Ostberliner wieder Hauptstadtbewohner waren. Dass Ostberlin aufgrund des Besatzungsstatus kein integraler Bestandteil der DDR war, scherte die Führungskader der Republik wenig. Auch dass sich ihr Staat demokratisch nannte ohne dies zu sein, kümmerte sie nicht. Die SED ließ viele Wahrheiten nicht gelten, obwohl sie von sich das hohe Lied der Unfehlbarkeit sang. Die Hymne „Die Partei, die Partei, die hat immer recht“ erklang zum ersten Mal 1950 und wurde danach noch unzählige Male angestimmt, so als wollten sich die Machthaber immer wieder selbst versichern, dass ihr Weg der richtige sei. Das Gegenteil bewies die „Abstimmung mit den Füßen". Bis zum Jahr des Mauerbaus 1961 flohen 2,6 Millionen Menschen in die Bundesrepublik, was dem „Arbeiter- und Bauernstaat“ neben dem ideologischen Schaden auch volkswirtschaftliche Probleme infolge des Verlustes von Arbeitskräften bereitete. Die DDR-Führung versuchte zwar der Abwanderung entgegen zu wirken, indem sie die innerdeutsche Grenze ab 1952 durch Sperrzonen, Zäune und Wachposten abriegelte. Dies führte aber nur dazu, dass sich die Fluchtwege im zweigeteilten Berlin bündelten. Auch Bürger anderer Ostblockstaaten setzten sich über die innerstädtische Demarkationslinie in den Westen ab...

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