Text von Harald Nestroy (Auszug)

Herkunft und Bedeutung des Namens „Bhutan“ liegen im Ungewissen, wie so vieles in diesem einzigartigen buddhistischen Königreich im Himalaja. Die ersten britischen Reisenden, die im 18. Jahrhundert die Gegend besuchten, brachten durch ihre Berichte die Bezeichnung „Bhutan“ in Umlauf; später wurde sie dann zum offiziellen Landesnamen. Vielleicht bezieht sich dieser Name auf die Bergbauern, die bhotias, die ihre Yaks, Schafe und Ziegen überall im Himalaja weiden lassen. Vielleicht aber heißt Bhutan auch „das Ende Tibets“, abgeleitet von Bhot-anta, wobei Bhot ein archaischer Name für Tibet ist und anta „das Ende“ bedeutet. Die Bhutaner selbst jedenfalls haben ihr Land schon seit dem 13. Jahrhundert Druk-Yul, das „Land des friedlichen Donnerdrachens“ genannt; ihr König trägt den Titel Druk-Gyalpo, „der Drachenkönig“. Sich selbst bezeichnen sie als Druk-pa, „das Volk des Drachens“. Durch die Kräuter, die dank der Bewässerung durch den Monsun auf den Wiesen und in den Wäldern Bhutans so prächtig gedeihen, entstand ein anderer Name, den die Tibeter dem Nachbarland gegeben haben. Sie nannten Bhutan das „Land der Heilpflanzen“, da sie ihren Bedarf an Heilkräutern im Tauschhandel deckten. Bhutan ist ein kleiner Binnenstaat und mit einer Fläche von 46 500 Quadratkilometern nur etwas größer als die Schweiz. Die Einwohnerzahl liegt bei etwa 700 000 Bewohnern. Diese Angabe schließt allerdings nur die Bevölkerung bhutanischer Abstammung ein und berücksichtigt nicht die hohe Zahl von Einwanderern. Die ursprüngliche Bevölkerung Bhutans besteht aus elf ethnischen Gruppen sehr verschiedener Größe, die jeweils ihre eigene Sprache sprechen. Die Amtsprache Bhutans ist Dzongkha, die Sprache der größten ethnischen Gruppe, den Druk-pa. Sie ist eng verwandt mit dem Tibetischen, in dessen klassischer Schrift, Ucän, sie auch geschrieben wird. Nepali, die Sprache der größten Einwanderergruppe, erfüllt den Zweck einer lingua franca; sie wird auch von gebürtigen Bhutanern benutzt, die des Dzongkha nicht hinreichend mächtig sind. Wer in Bhutan in den Genuss einer Schulausbildung gekommen ist, spricht überdies Englisch. Das Königreich grenzt an die indischen Provinzen Sikkim, West-Bengalen, Assam und Arunachal Pradesh, sowie an das chinesische Tibet. Bhutan schmiegt sich an die Südhänge des Himalaja, der tiefste Punkt im Süden liegt fast auf Meereshöhe, während der Kula Kangri inmitten der eisigen Gipfel an der tibetischen Grenze im Norden mit seinen 7 554 Metern den höchsten Punkt des Landes bildet. Bhutan ist eines der wenigen asiatischen Länder, das nie als Kolonie von Europäern oder einer anderen Macht besetzt gewesen ist. Die Lage des „David“ Bhutan zwischen den zwei „Goliaths“ Indien und China hat die Geschichte dieses winzigen Landes geprägt und ist hauptsächlich dafür verantwortlich, dass Bhutan bis heute seine Unabhängigkeit weitgehend bewahren konnte. Die Frühgeschichte Bhutans kann nicht mit archäologischen oder schriftlichen Zeugnissen belegt werden; sie ist vielmehr eng verwoben mit dem Buddhismus und dessen Mythologie. Wie in anderen asiatischen Kulturen auch, sind frühe historische Fakten kaum zu trennen von Mythen und Legenden. In den Augen der Bhutaner waren Dämonen und Heilige oft weit wichtiger als weltliche Herrscher und buddhistische Mönche. Erst seit dem 16. und 17. Jahrhundert ist die Geschichte des Landes dokumentiert. Allerdings sind viele der Aufzeichnungen, die Hunderte von Jahren in den Dzongs, den vorallem aus Bruchsteinen und Holz gebauten Klosterburgen, aufbewahrt worden waren, im 19. und 20. Jahrhundert Opfer von Bränden geworden. Neben den wenigen Schriftstücken stammen die Informationen über die Frühgeschichte Bhutans hauptsächlich aus Legenden und volkstümlichen Erzählungen oder aus den Berichten der britischen Entdeckungsreisenden, die das Land vom 18. Jahrhundert an besucht haben. Eines der wichtigsten Ereignisse in der Geschichte Bhutans war die Ankunft des heiligen tibetischen Lama Padmasambhava (der Lotusgeborene) im achten Jahrhundert, der auch als Guru Rimpoche verehrt wurde, und den Ningma Pa Mönchsorden gründete. Unter seinem Einfluss verbreitete sich der tantrische Mahayana Buddhismus, der die archaische Bon Religion ablöste, die vor dem Aufkommen des Buddhismus die Hauptreligion im Himalaja gewesen war. Im 13. Jahrhundert führte Phajo Druk-Gom Shigpo, ein Lama des Ralung Klosters in Tibet, die Druk-pa-Kagyu Lehre des Buddhismus ein. Yeshey Dorji, der Gründer von Ralung, hatte...

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