Textauszug


Das Wasser glitzert, weiße Segel schmücken den See, Schilf wiegt sich in der leichten Brise, dahinter verschwimmen die Schweizer Alpen mit ihren schneebedeckten Gipfeln im Dunst: Bodensee-Idyll im Sommer. Nebel, der die Sicht trübt, das Plätschern der Wellen dämpft, aufs Gemüt drückt und die Orientierung erschwert. Bodenseestimmung im Herbst. „Wenn Junitage durch die Blätterkronen brausen und die Wasseroberfläche in Gefunkel zerspringt, tut der See mittelmeerisch. Von Spätherbst bis Vorfrühling führen ihn Stürme weißgrün vor; da spielt er Fjord. Dieser See spielt alles nur. Identität gedeiht hier schwach. Das Klimatheater, das auf der anpassungssüchtigen Seebühne seine pausenlose Unbeständigkeits- und Überraschungsdramaturgie betreibt, will, dass wir uns an nichts halten als an den Wechsel“, schrieb der Schriftsteller und Bodenseeanwohner Martin Walser 1978 in „Heimatlob“, einer Art Liebeserklärung an den Bodensee.Der See mit seinen vielen Gesichtern. Der Wechsel. Wechselvoll auch seine Namen: „Lacus Lemannus“, Alamannensee, „Lacus Constantinus“, Konstanzer See, „Lacus Brigantium“, Bregenzer See, und „Lacus Bodamicus“ – Bodamicus, das Dorf Bodman, dort, wo einst eine karolingische Königspfalz stand. Bodman, das Dorf „auf dem Boden“, im Gegensatz zu den Siedlungen, die am Hochufer lagen. Walahfrid Strabo, der bedeutende Abt der Insel Reichenau, nannte den Bodensee „Potamicus“. Er bevorzugte diesen Namen, vom griechischen Wort für Fluss, Potamos, abgeleitet, anstatt von der weltlichen Königs-pfalz Bodman. Doch für die Menschen am See, in der Dichtung, im Volksmund und beim Handel, hielt sich der Name „Bodamicus“ hartnäckig. Aus „Bodamicus“ wurde Bodensee. Der Bodensee ist entstanden durch den mächtigen Rheingletscher. In der Riss-Eiszeit vor 200.000 Jahren war vom See noch nichts zu sehen. Der Rheingletscher schob sich von den Alpen bis über die Donau hinaus. Die Eiswüste erstickte über 100.000 Jahre lang jedes Leben unter ihrem viele hundert Meter dicken Eispanzer. Danach kamen Wärmeperioden, in denen die Natur die vom Eis befreite Landschaft zurückeroberte. Ein tiefer See, vom Schmelzwasser des Rheins gespeist, blieb zurück. Enten, Pelikane und Seeadler lebten in seinen Schilfflächen. Tausende von Tümpeln und Seen entstanden. Doch das Idyll währte nicht lange. In der Würm-Eiszeit vor 30.000 Jahren schob sich der Rheingletscher abermals über den Bodensee. Nach dem Abschmelzen des Eises, vor etwa 10.000 Jahren, nahm der Bodensee eine Fläche von etwa 1200 Quadratkilometern ein, war also mehr als doppelt so groß wie heute. Erdgeschichtlich betrachtet ist der See nur eine temporäre Erscheinung, die es in einigen zehntausend Jahren nicht mehr geben wird. Er verlandet. Heute jedoch ist er mit seinen 534 Quadratkilometern Wasseroberfläche und seinen 273 Kilometern Ufer eines der größten Binnengewässer Europas. Der Bodensee liegt im Dreiländereck Deutschland, Österreich, Schweiz, wobei Deutschland mit 173 Uferkilometern den größten Anteil hat. Wem exakt welcher Teil des Gewässers gehört, wurde nie festgelegt, die Grenzziehungen durch den See beruhen allein auf Gewohnheitsrecht. Namentlich gliedert sich der Bodensee in drei Teile: Das größte Stück (472 Quadratkilometer) zwischen Lindau und Meersburg heißt Obersee. Der Überlinger See erstreckt sich zwischen Meersburg und Bodman. Untersee nennt man den Teil zwischen Konstanz und Stein am Rhein. Der Untersee gliedert sich in den Gnadensee, der im Norden vor Allensbach liegt, und den Zeller See im Süden zwischen Horn und Radolfzell. Elf Inseln gibt es, die drei größten davon sind: Reichenau, Mainau und Lindau. Schon Jahrtausende vor den Römern, Mönchen und Ausflugsbooten war das Ufer besiedelt. In der Jungsteinzeit, um 4400 vor unserer Zeitrechnung, rammten erste Siedler Pfähle in den weichen Uferschlick. Als deren Überreste im 19. Jahrhundert wieder zutage traten, dachten ihre Entdecker, die Steinzeitmenschen hätten ganze Dörfer auf Pfählen in den See gestellt. Archäologen korrigierten, sie gingen davon aus, dass die Hütten nicht im See, sondern am Ufer standen. Auf Stelzen stellte man die Häuser, um die Schwankungen des Wasserspiegels von bis zu zwei Metern ohne nasses Hab und Gut...

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