Vorwort von Thomas C. Breuer (Auszug)

Downtown. Das Wörterbuch bietet an: „Geschäftsviertel in der Innenstadt“. In den USA gilt das für jede Innenstadt mit mindestens einem Geschäft, für jede „one-horse-town“. Downtown definiert sich also nicht über die Größe einer Stadt. Geschäftsviertel sagt ebenso wenig etwas über die Qualität dieser Geschäfte aus, sie müssen nicht einmal in Betrieb sein. Manche Downtowns sind erschreckend tot, manche blühen gerade auf, manche werden verzweifelt wiederbelebt. Viele wurden besungen, noch mehr vergessen. Eines darf man nicht vergessen: Amerikaner wohnen noch nicht so lange in Städten, vielleicht fehlt es ihnen ein bisschen an Übung. Von manchen Downtowns hat sich das Glück – z. B. in Gestalt von Gold – nach einem kurzen Gastspiel verzogen, die Natur erobert sich zurück, was ihr vor Dezennien abgetrotzt wurde. Andere wiederum werden künstlich am Leben gehalten, in dem man das dringend benötigte Wasser über Hunderte von Meilen durch die Wüste pumpt, und wieder andere verdanken winzigen Chips ihre Blüte. Wenn in Amerika etwas Bestand hat, dann ist es die Vergänglichkeit. In den letzten beiden Dekaden florierten vor allem Baumärkte, in denen man sich die großen Sperrholzplatten zurecht sägen lassen konnte, mit denen man die Ladenfronten zunagelte. Manche Ladenzeile erwecken den Eindruck, als erwarteten ihre Besitzer gerade einen Hurrikan, auch in sturmarmen Regionen. In Edina, Minnesota wurde 1954 die Southdale Mall als erstes Einkaufszentrum dieser Art eröffnet, ein Ereignis, das sich vor allem in den 60er Jahren verheerend auf sämtliche Downtowns der Vereinigten Staaten auswirken sollte, denn diese Kauftempel auf der grünen Wiese saugten jegliches Leben aus den Innenstädten heraus. Hier draußen gab es ausreichend Parkplätze, vor allem waren die Grundstückssteuern niedriger, und sowieso ist es z. B. den Minnesotans nicht zu verdenken, wenn sie beim Einkaufen die in diesen Breiten üblichen Außentemperaturen meiden wollten, die z. B. nur drei Monate für Straßenreparaturen zulassen und auch die Mücken sich tummeln müssen, wenn sie erfolgreich sein wollen: 10 000 Seen produzieren 10 Milliarden Plagegeister. 1956 unterzeichnete Präsident Eisenhower den „National Interstate Highway & Defense Act“ – der Ausbau des Autobahnnetzes sollte nicht nur die Amerikaner miteinander verbinden, sondern im Bedarfsfall die Verteidigung erleichtern. Dieses Gesetz beflügelte den Erfolg der Malls, denn sie wurden leichter erreichbar. Um die Malls herum wucherten bald die sogenannten Suburbs, die Vorstädte, und um diese bald die Vorstädte der Vorstädte, liebevoll „urban sprawl“ genannt. Die Innenstädte verwaisten, verfielen, ganze Häuserzeilen wurden abgerissen, endlich gab es wieder Parkplätze in der Downtown – nur wofür? Mittlerweile kennt man auch in Europa die Geschichten über Stadtviertel wie Berlin-Neukölln, in die Polizisten sich nicht mehr hinein trauen und denen Taxifahrer sich verweigern. Es gibt Häuserzeilen in Detroit, in denen sich neben den Gangs auch wilde Tiere aus den verbliebenen Wäldern angesiedelt haben – weil sie hier ungestörter sind. Vielleicht nicht mehr lange: Dank der Immobilienkrise sind die McMansions in Suburbia, die Einheitshäuser in den Vorstädten, angezählt, die Bewohner sind es leid, hektarweise Rasen mähen und bis zu zwei Stunden zur Arbeit fahren zu müssen bzw. im Stau zu stehen, noch dazu bei diesen Energiepreisen, noch dazu bei einem mit bloßem Auge kaum wahrnehmbaren öffentlichen Nahverkehrsnetz. Wobei sich sogar das bessert: Dallas hat inzwischen eine Straßenbahn und in L. A. kommt man sogar mit dem Bus vorwärts. Amerikaner haben ohnehin wenig Zeit zur Verfügung, verbringen sie doch fünf Jahre ihres Lebens in Warteschlangen und acht Monate damit, Werbepost oder -mails zu öffnen. Die angespannte Wirtschaftslage gibt den Vorstädten den Rest, viele kehren in die Stadt zurück, die Vorstädte verfallen, irgendwann werden sich die Polizisten nicht mehr hinein trauen, dafür aber, wie in Florida, die Alligatoren, kein Witz. Und es gibt immer Leute, die sich an diesen Entwicklungen eine goldene Nase verdienen. Ein Indikator ist der Preisanstieg bei Immobilien in den Innenstädten, und manche sind nicht wieder zu erkennen: Indianapolis z. B. ist sogar außerhalb der Rennsaison wieder eine richtig funktionierende Stadt, jedenfalls für Touristen, die sich für Musicals und Postkutschenfahrten interessieren...

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