Textauszug

 

Nüchtern betrachtet ist das Engadin ein Bündner Tal. Ein Hochtal im Kanton Graubünden. Eines der höchstgelegenen bewohnten Täler Europas. Etwa 90 Kilometer erstreckt es sich von West nach Ost, von Maloja im Oberengadin nach Strada, Martina, Vinadi im Unterengadin. Bis zur österreichischen Grenze. Immer dem Inn entlang, dessen oberste Talstufe das Engadin bildet. Im Oberengadin dominieren sanfte, von eiszeitlichen Gletschern geformte Rundungen. Das Unterengadin ist schroffer, wilder. Nicht nur der Malojapass im Südwesten schließt das Oberengadin als natürliche Grenze ab, auch der Berninapass im Südosten. So hören sich die Fakten an. Und so klingt es, wenn Giovanni Segantini, Maler im 19. Jahrhundert, vom Engadin schwärmt: „Hier verschmelzen die Ketten der Berge und ewigen Gletscher mit dem Grün der Weiden und dem grünen Dom der Tannenwälder, hier spiegelt sich der azurne Himmel in Seen und Teichen, die hundertmal blauer sind als das Firmament darüber. Die üppig-reichen Weiden werden überall von kristallenen Bächen durchzogen, die aus den Felsspalten herabkommen, um alles auf ihrem Wege mit frischem Wasser zu tränken. Überall blühen die Alpenrosen und alles ist erfüllt von den Klängen wechselnder Harmonien, vom Gezwitscher der Vögel, dem Gesang der Lerchen, vom Geplätscher der Quellen, dem Glockenklang ferner Herden und dem Gesumme der Bienen.“ Der Blick ist offen. Meilenweit. Piz Palü, Piz Kesch, Piz d’Aela, Piz Corvatsch, Piz Nair, Bernina-Flanke mit dem Biancograt, Corviglia. Zwischen den jäh aufragenden, windumtosten Bergen bildet das breite Hochtal eine makellose Ebene. Weitläufig und voll von Sonnenschein. Die Berge ringsum erdrücken nicht, sie wirken erhebend, lassen einen in der kristallklaren Luft freier atmen. Vielleicht spielt auch eine Rolle, dass das Engadin keinen Talschluss hat. Wer oben am Malojapass steht, tritt erschrocken einen Schritt zurück. Auf einmal fällt der Boden 400 Meter tief ab. Eigentlich sollte hier ein Berg stehen oder wenigstens ein Bergsattel. Geologen vermuten oder spekulieren darüber, dass der obere Talabschluss durchaus existiert hat. Vor langer, langer Zeit. Doch vermutlich hat das Flüsschen Meira dem Engadin regelrecht den Boden abgegraben. Drei-Wasser-Scheide und Tafelwasser Wasser hat im Engadin eine ganz besondere Bedeutung: Am Maloja scheiden sich die Wasser für drei Meere. Drei-Wasser-Scheide: Zur einen Seite fließt das Wasser nach Norden in die Julia, von ihr in den Rhein und damit in die Nordsee. Zur zweiten in den Inn, der durch Engadins Seenplatte – Silsersee, Silvaplanersee, Champfersee und St. Moritzsee – fließt, weiter bis Passau, dort in die Donau, später dann im Schwarzen Meer mündet. Und das dritte Wasser ist die Meira, die hinter dem Piz Lunghin durchs Bergell in den Comer See, von dort als Adda in den Po und weiter ins Mittelmeer gelangt. So arm das Engadin an Bodenschätzen auch ist, Wasser hat es im Überfluss. Die Quellen sprudeln wie im Schlaraffenland. Allein in der Unterengadiner Region Scuol-Tarasp-Vulpera entspringen mehr als zwanzig Mineralquellen, trinkfertiges Tafelwasser ebenso wie kräftiges Mineralwasser. Erosion trug im Laufe der Zeit die Gneis- und Granitschichten der Silvretta-Decke und der Engadiner Dolomiten ab und legte den darunter liegenden Bündner Schiefer frei. Auf seinem Weg zur Oberfläche mischt sich das Wasser mit Kohlendioxid, der aus dem Schiefer austritt, und löst Stoffe wie Natrium, Kalzium, Magnesium, Chloride und Sulfate aus dem Gestein heraus. Dadurch ist Engadiner Wasser das mineralreichste Wasser der Schweiz. Im Jahr 1369 wurde die glaubersalzhaltige Luzius-Quelle entdeckt, bald darauf nutzten die Engadiner ihre Quellen zum Trinken und zum Baden. Zunächst noch für sich allein. Doch 1853, mit dem Bau der Talstraße, kam der Bädertourismus in Schwung. Trinkhallen, Trinkpavillons, Badehäuser und Hotels boomten. Scuol wurde zum Treffpunkt des europäischen Adels und des gut betuchten Bünrgertums. Zar Nikolaus II. kurte im Engadin …

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