Vorwort von Christoph Biermann (Auszug)

 

Wie die Architektur von Kirchen oder Tempeln den Gottesdienst mitgestaltet, bestimmt auch ein Stadion das Erlebnis vom Fußball mit. Eine große Arena, wie die in Dortmund, produziert eine gewaltige Monumentalität, enge Stadien, wie das in Bielefeld, sorgen für eine drängende Intensität. Stadien spielen mit, sie sind mehr als nur Kulissen. Man erlebt ein anderes Spiel, wo sich während der 90 Minuten die Schlachtrufe unter einem Dach verdichten, als dort, wo sie aus einem offenen Stadion herauswehen. Wie homogen oder wie zerklüftet die Tribünen gebaut sind spielt ebenfalls eine Rolle. Am Millerntor in St. Pauli oder im Stadion der Freundschaft in Cottbus sorgt das zusammengeschustert Improvisierte für einen freundlichen Grundton. Die steilen Ränge am inzwischen abgerissenen Bökelberg-Stadion in Mönchengladbach brachten den Zuschauer fast mit auf den Platz. Welche Kraft das entwickeln konnte, sieht man in diesem Buch. Und selbst die Farben der Sitzschalen haben einen Einfluss darauf, wie wir einen Kick sehen. Deshalb waren sie in Leverkusen froh, als sie beim Umbau des Stadions endlich die faden hellgrünen Plätze gegen kräftig rote austauschen konnten. Die BayArena lud sich dadurch energetisch neu auf. Auch der Ort, an dem das Stadion gebaut wurde, ist in diesem Zusammenhang bedeutend. Liegt es, wie die Allianz Arena in München, gleich einem Einkaufszentrum an der Autobahn vor den Toren der Stadt, fühlt sich der Besuch dort eher nach Dienstleistung an. Ist es mit einem Stadtteil verwoben, dessen industrielle Vergangenheit nicht zu übersehen ist, wie beim Georg-Melches-Stadion im Essener Norden, wird der Gang zum Stadion zu einer Zeitreise in die proletarische Vergangenheit des Spiels. In Mönchengladbach konnte man es sogar direkt vergleichen. Dort verwandelte sich nach dem Umzug des Klubs vom Bökelberg inmitten eines bürgerlichen Wohnviertels zum neuen Borussen-Park am Stadtrand der Spieltag der Borussia komplett. Er wurde gewaltiger und prächtiger, aber auch entrückter. Mitunter spielt auch die Landschaft mit hinein. Man sieht in Aue wunderbar, wie das Stadion ins Erzgebirge eingefügt ist, oder in Freiburg, wo das Stadion zu Füßen des Schwarzwalds liegt. Fußballstadien sind längst zu städtischen Wahrzeichen geworden, wie Kirchen, Denkmäler oder prägnante Industrieanlagen. Das Kölner WM-Stadion wird zwar nie mit dem Dom mithalten können, aber dank seiner beleuchteten Türme sieht man es schon aus vielen Kilometern, wenn man von Westen aus auf die Stadt zufährt. Das Fritz-Walter-Stadion ragt dominant wie eine Burg über Kaiserslautern, so dass kein anderes Gebäude der Stadt mithalten kann. Nicht einmal das Rathaus, und das war sogar mal das höchste in Deutschland. Und als die Scheinwerfer noch nicht allenthalben unter die Tribünendächer gehängt werden konnten, waren die Flutlichtmasten der Stadien zugleich Orientierungspunkte und Wegweiser.  An vielen Orten in Deutschland hat man in den letzten Jahren erleben können, wie eine neue Generation von Arenen die alten Stadien ersetzt hat. Auch davon erzählt dieses Buch und dokumentiert damit, wie sich das Spiel verändert hat. Früher war Fußball eine Sportart von vielen und hat sich die Stadien mit anderen teilen müssen. Um den Rasen waren Laufbahnen, Sprunggruben, Hochsprungmatten und Wurfkäfige aufgebaut. Die Zuschauer sollten auch bei den Wettkämpfen der Leichtathletik zuschauen können, waren dafür aber weit vom Spielfeld weg, wenn auf dem Rasen gekickt wurde ...

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