Textauszug

 

Rote Fuchsienhecken und lila Rhododendronbüsche. Dazu Ginster, der die kargen Hänge der Granitberge mit Gelb überzieht. In der Talmulde ein nachtschwarzer Moorsee, an dessen Ufer Schafe weiden. Im Westen donnern die Wellen des Atlantiks an die über 200 Meter hohen Cliffs of Moher, wo es sich Papageientaucher in ihren Nestern eingerichtet haben. Bunt bemalte Häuser bieten Kontrast zum allgegenwärtigen Grau der Steine: Steinmauern, Landhäuser, Parks, Felder und Friedhöfe umgeben Burgen, Kirchenruinen, Türme, Kreuze, alles aus grauem Stein. Aber da ist auch noch das Grün der Wiesen, Weiden und Büsche. Grün in allen Schattierungen. Nirgendwo leuchtet das Grün so grün wie nach einem Regenguss, wenn die Sonne durch die Wolken bricht. Kein Wunder, dass Irland den Beinamen „grüne Insel“ trägt. Irland hat mindestens zwei große Eiszeiten erlebt. Die Trennung vom Festland geschah nach der letzten Eiszeit, in der viele urzeitliche Pflanzen und Tiere ausstarben. So auch Kröten und Schlangen. Die Natur vollbrachte, was der irische Volksmund seinem Nationalheiligen, Sankt Patrick, zuschreibt. 40 Tage und Nächte soll der Missionar Patrick im Jahr 441 fastend und betend auf einem 765 Meter hohen Berg an der Westküste verbracht haben. Er kämpfte mit Geistern und Dämonen und verbannte alle Schlangen von der Insel. Sehr bald wurde der Berg nach ihm benannt: Croagh Patrick. Vielleicht gehört die Geschichte mit den Schlangen eher in die Abteilung „Legenden“, doch Patricks Verdienst war die friedliche Christianisierung der Insel. Mit 16 war er als Sklave nach Irland gekommen. Nach sechs Jahren gelang ihm die Flucht in seine Heimat - Wales oder Schottland, darüber sind sich die Forscher nicht einig. In einer Vision wurde ihm befohlen, Irland zum christlichen Glauben zu bekehren. Patrick ließ sich zum Priester ausbilden und kehrte 432 als Bischof auf die Insel seiner Gefangenschaft zurück. Mit Geschick gelang es ihm, viele der keltischen Stammesfürsten und Könige samt ihren Untertanen für das Christentum zu gewinnen. Als Patrick im Jahr 461 starb, war Irland vollständig christianisiert. Der Kult um den heiligen Patrick gehört zu den Iren. Am 17. März ist St. Patrick‘s Day. In Irland sowieso, aber auch im Ausland. Es gibt knapp über vier Millionen Insel-Iren und mehr als 70 Millionen Menschen irischer Abstammung, die auf der Welt verstreut leben. Millionen haben über die Jahrhunderte das Land verlassen, vor allem während der großen Hungersnot um 1850, nur wenige sind zurückgekehrt. Wo auch immer drei Iren zusammenkommen, feiern sie St. Patrick’s Day. In Sydney genauso wie in Seattle oder Singapur. Kostümiert, singend und tanzend ziehen sie durch die Straßen. Der eintägige Karneval hat die Festtagsgottesdienste etwas verdrängt. Viel Guinness, wenig Weihwasser. Nach dem Festumzug wird im Pub weiter gefeiert: trinkend, singend, Geschichten erzählend. Beinahe so wie jeden Abend, gilt das Pub doch als das verlängerte Wohnzimmer der Iren. Dunkles Holz, schimmerndes Messing, verwinkelte Gänge, gedämpftes Licht. Man geht in das Pub, um Zeitung zu lesen, ein Schwätzchen zu halten, Freunde zu treffen, einen Geschäftsabschluss zu begießen oder um einfach nur an der Bar zu lehnen und etwas zu trinken. Bis weit in die 1960er-Jahre waren die Pubs eine männliche Domäne. Frauen, aber auch Priester mussten in „snugs“ - der Schriftsteller Heinrich Böll nannte sie „Einzelsäuferkojen“ -  ihren sozial nicht akzeptierten Durst löschen. Bier- und Whiskey-Durst. Whiskey (Irland) oder Whisky (Schottland)? Mit den Nachbarn auf der anderen Seite der rauen Irischen See streitet man sich beinahe schon traditionell über Fragen des Geschmacks: …

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