Text von Dr. Hans-Joachim Aubert (Auszug)


Der Fernseher im Wohnzimmer, das Auto in der Garage, der Computer, die Kamera, der Walkman. Japan ist uns materiell ganz nah, und doch gibt es nur wenige Länder, deren Lebensweise uns mehr verwirrt, erstaunt, vielleicht sogar Schmunzeln lässt als jene auf dem fernöstlichen Inselbogen zwischen der asiatischen Festlandmasse und den Weiten des Pazifiks. Ginge es dabei um eine exotische Lebensgemeinschaft am Rande der „zivilisierten“ Welt unter der wir noch immer die unsere, europäisch geprägte verstehen, wären wohl höchstens Ethnologen daran interessiert. Japan aber ist ein Global Player, eine der bedeutendsten  Wirtschaftsmächte der Erde. Dass es dabei einem völlig anderen Kulturkreis angehört, macht einen besonderen Reiz aus, weckt die Neugier, denn modernste Technologie, Innovationsfreude und kapitalistisches Gewinnstreben gehen Hand in Hand mit Jahrhunderte alten Traditionen: Die meditative Kontemplation vor einer Buddhastatue oder einem blühenden Kirschbaum steht eben nicht im Widerspruch zur laÅNrmerfüllten Spielautomatenhalle, die geradezu göttliche Verehrung der Natur nicht zu planlos wuchernden Stadtlandschaften. Das liegt unter anderem daran, dass Japaner die einmalige Gabe der selektiven Wahrnehmung haben, die Fähigkeit, sich auf einen winzigen Ausschnitt der Realität zu konzentrieren und sich diesem Erlebnis ganz hinzugeben. Doch schon lange vor der globalisierten Wirtschaftswelt unserer Tage war das Interesse der Europäer an Japan erwacht, wobei natürlich zunächst koloniale Ambitionen der europäischen Großmächte im Vordergrund standen. Sie waren bestrebt, die Welt unter sich aufzuteilen, sie als Rohstoffquelle und zur Rekrutierung von Arbeitskräften zu nutzen und nach Möglichkeit auch mit den Segnungen des Christentums vertraut zu machen. Nicht überall ist das gelungen, am wenigsten in Japan, das sich in seiner langen Geschichte niemals kolonialer Herrschaft hat beugen müssen und es jahrhundertlang geschickt verstand, sich fremden Einflüssen zu verschließen. Dabei war man dem Handel mit ausländischen Mächten durchaus nicht abgeneigt, erlaubte aber lange Zeit nur der Niederländischen Ostindien-Kompanie, auf der streng bewachten Insel Dejima einen Handelsposten zu errichten. Die fremde Macht stand gewissermaßen unter Quarantäne, so dass sich eine Entwicklung wie in Indien nicht wiederholte. Dort hatte die Britische Ostindien-Kompanie zunächst einen Brückenkopf gebildet, der dem Empire später als Sprungbrett zur Kolonialisierung des Subkontinents diente. Aber je mehr sich Japan abschottete, desto größer wurde die Neugier. Doch nur wenigen Reisenden gelang es, bis ins Herz des rätselhaften von Marco Polo (1254 – 1324) als Zipangu bezeichneten Inselreichs vorzudringen. Zu den frühen Chronisten gehören vor allem die deutschen Ärzte Engelbert Kaempfer (1651 – 1716), Phillip Franz von Siebold (1796 – 1866) und Georg Heinrich von Lengsdorff (1774 – 1852). Sie standen im Dienst der Niederländischen Ostindien-Kompanie und frei bewegen durften auch sie sich nicht. Dennoch verdanken wir ihnen die ersten fundierten Kenntnisse über Nippon, das „Land der aufgehenden Sonne“ wie die Japaner ihre Heimat bezeichneten. Die 250 Jahre währende, selbst gewählte Isolation zwischen 1605 und 1854 förderte eine höchst eigenständige Entwicklung, vergleichbar mit der von abgelegenen Biotopen, die eine von der übrigen Welt unberührte Mutation durchlaufen. Als mit der Öffnung Japans die ersten detaillierten Informationen in die Welt drangen, lösten sie vor allem unter den Künstlern und Sammlern eine wahre Euphorie aus, für die der Begriff Japonismus geprägt wurde. Van Gogh, Klimt, Gauguin und Monet sind nur einige, die sich an den Vorbildern aus Japan orientierten. „Sieh mal, die japanische Malerei ist hoch beliebt, man lässt sich davon beeinflussen, das ist allen Impressionisten gemein…“ schrieb van Gogh an seinen Bruder Theo. Aus jenen Tagen stammen auch die Klischees von Kimono, Geisha und Kirschblüte, mit denen Fremde das Land nach wie vor gern identifizieren. Dabei wurde und wird oft übersehen, dass die Kultur Japans sich keineswegs aus einem Vakuum entwickelt hat. Der Abkapselung vorausgegangen war eine Epoche intensivster Kontakte mit...

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