Text von Imre Török (Auszug)
Fröhlich lockendes Morgenlicht spiegelte sich auf den Glasplatten meist noch leerer Tische, erst allmählich füllten sich die Räume des Kaffeehauses. Nur ein leises Rascheln von Zeitungspapier war zu hören. Gelegentlich gab jemand eine neue Bestellung auf, mehr geraunt als gesprochen, vielleicht noch zu müde oder zu zerstreut zum lauteren Sprechen. Die Namen der Zeitungen konnten kaum Auskunft darüber geben, in welcher Stadt sich dieses Kaffeehaus befand. Journale aus zahlreichen Städten lagen aus, aus Berlin und Budapest, auch aus Paris und Prag. Und selbst die ersten servierten Getränke des Tages, hier eine Melange, dort ein Espresso oder Mokka, verrieten nichts über Stadt und Land, über die Gegend der Welt, in welcher der Kellner die Tasse mit dem schwarzen oder braunen, wohl duftenden Getränk und das Glas Wasser behutsam auf den runden Tisch platzierte, ohne den Gast in seiner Lektüre zu stören. Allerdings wäre die rechnerische Wahrscheinlichkeit groß, dass der Ober mit der adretten Fliege, der jetzt mit seinem leeren Tablett den Tresen ansteuerte, in einem der unzähligen Wiener Kaffeelokalitäten, einem Kaffeehaus, einem Café oder einer Konditorei seinen Dienst versah. Dieses Kaffeehaus mit seinen hohen Jugendstilfenstern, das von der Sonne des frühen Vormittags in ein mildes Licht getaucht wurde, jedenfalls war zeitlos und es hieß „Magisches Café“; zumindest wurde es von seinen Stammgästen liebevoll so bezeichnet, oder kurz auch nur MC genannt, und längst hatte sich auch das Personal mit dem Namen angefreundet. Was dieses Lokal etwa vom „Café Prückel“ in Wien unterscheidet, oder vom „Gerbeaud“ in Budapest, vom „Einstein“ in der Berliner Allee Unter den Linden oder vom „Café de l’Opera“ auf den Ramblas in Barcelona, ist, dass sich hierher ins MC nur selten ein eiliger Durchreisender verirrte. Die Gäste des „Magischen Cafés“ schienen vielmehr Zeit ohne Ende zu haben, vielleicht floss auch die Zeit hier langsamer und trügerischer als in vielen anderen Häusern heutzutage. Der Oberkellner hätte weitere Fragen womöglich beantworten können, mit zuvorkommender Stimme, doch wahrscheinlich hätte er in aller Höflichkeit nur zu sagen gewusst, dass man sich einfach setzen und bei Gelegenheit etwas bestellen möge. Ansonsten sollte man sich dem Schauen hingeben, Fragen würden sich mit der Zeit von selbst beantworten. Und tatsächlich, bei längerem, ungezwungenem Hinsehen konnte man den Eindruck gewinnen, dass der Gast an einem Fenstertisch, der vom Ober mit „Herr Professor“ angesprochen worden war, eine gewisse Ähnlichkeit mit Albert Einstein aufwies, der einst während seiner Prager Lehrtätigkeit gern das dortige „Café Louvre“ aufgesucht hatte. Ob der früh--stückende Professor in seinen Notizblock, neben dem Teller mit Spiegelei, gerade etwas über das Zeitparadoxon oder gar weit voraus schauend über wechselnde Dimensionen von Raum und Zeit notiert hatte? Von Minute zu Minute wuchs zumindest die Ähnlichkeit des Kritzelnden mit dem Physiker der Relativitätstheorien. Da öffnete sich die Kaffeehaustür, ein kleines Glöckchen anstoßend, doch sogleich wurde der sanfte Glockenton von einem heftigen Wortwechsel übertönt. Zwei Männer eilten herein, lauthals miteinander auf Russisch diskutierend. Erst in der Mitte des Raums, als der Oberkellner mit flehend erhobenen Armen auf die neuen Gäste zusteuerte, mäßigten die beiden ihre Stimmen. Die Russen schienen nicht nur ihren Stammplatz zu haben, sondern auch dem Personal bekannt zu sein. Denn kaum hatten sich die beiden, nur noch im Flüsterton, doch nach wie vor erregt diskutierend, gesetzt, brachte eine junge Kellnerin ein Schachbrett und eine Schatulle mit Figuren an ihren Tisch. „Wladimir Iljitsch“, sagte der Jüngere und blinzelte schelmisch hinter seiner Nickelbrille, „heute darfst du mit Weiß attackieren.“ „Rote Schachfiguren wären mir am liebsten“, antwortete Lenin seinem Weggefährten Leo Trotzki. „Aber nur ein Spielchen heute, ich muss die Tage hier in Genf nutzen, um an meiner Schrift über Erkenntnisphilosophie weiter zu arbeiten.“ „Die ruhigen Vormittagsstunden im Kaffeehaus sind schließlich die angenehmsten“, so Trotzki nach dem bereits zweiten Bauernopfer. „Sobald die ganze Bohème der genial verrückten Literaten und Künstler ausgeschlafen hat und hier herein bricht, ist an ruhiges Arbeiten eh kaum zu denken, nicht wahr?“, sagte er zum Kellner gewandt, der die großen Kaffeetassen und die kleinen Gläser mit dem klaren Wasser neben das Schachbrett gestellt hatte...

