Textauszug

Lauer Wind säuselt durch Palmwedel und ziselierte Gittertore. Im Souk von Fès duftet es nach Rosmarin, Thymian, Lavendel, Nelken, Feigen, Datteln, Mandeln und Orangenblüten. Der Dadès-Fluss fräst sich durch die Hänge des Hohen Atlas und hinterlässt einen schmalen Streifen Fruchtbarkeit. Die Gipfel verschwinden hinter dem bleigrauen Vorhang der Dunkelheit. Männer in wallenden Gewändern palavern an Minztee-Ausschänken in Rabat. Der Ruf des Muezzin schallt durch die Gassen. In der Medina, der Altstadt von Meknès, schlendern verschleierte Frauen an mit bunten Fliesen dekorierten Brunnenbecken vorbei, denen das Wasser fehlt. In der Sahara tobt ein Sandsturm über ein Nomadenzelt hinweg. An endlosen Stränden aalen sich Sonnenhungrige, während eine Hochzeitsgesellschaft der Berber auf der Ladefläche eines Lastwagens zur Feier holpert. Und am Hafen von Tanger werden Containerschiffe gelöscht. Marokko – magisch, mystisch, archaisch, aber auch modern. Ein Land der Kontraste. Auch geographisch. Beinahe 3000 Kilometer Küste an Atlantik und Mittelmeer. Mit felsigen Buchten, Steilküsten, feinen Sandstränden, mit Lagunen und Strandseen. Mit Rabat, Casablanca und Tanger. Parallel zur Mittelmeerküste erstreckt sich das Rifgebirge mit seinen immergrünen Laubwäldern, mit der Atlaszeder, der Marokkotanne und der Steinkiefer. Mit Korkeichen und im mittleren Teil des Rifs mit ausgedehnten Cannabispflanzungen. Mittlerer und Hoher Atlas schließen sich ans Rif an. Ein gewaltiges Faltengebirge. Eine Klimascheide. Der Jabal Toubkal ist mit 4165 Metern der höchste Gipfel. Der Hohe Atlas erstreckt sich über 700 Kilometer in südwestlicher Richtung bis zur Atlantikküste. Nördlich von Agadir läuft er eindrucksvoll in den 1000 Meter hohen Klippen von Cap Rhir aus. Schroff, zerklüftet und kaum erschlossen sind der mittlere und nördliche Teil des Gebirges, der westliche Teil ist geprägt von fruchtbaren Hochebenen. Geologisch gehört der Antiatlas zur afrikanischen Platte, dagegen wird das Atlasgebirge der europäischen Platte zugeordnet. Im Antiatlas wächst eine Besonderheit: die Arganie. Argania spinosa - ein Baum mit Seltenheitswert, der nur in Marokko in größeren Beständen gedeiht. Die UNESCO hat das Arganiengebiet in ihre Liste der zu schützenden Biosphäre aufgenommen. Durch Mahlen und Pressen gewinnen Bäuerinnen aus den olivenartigen Früchten ein Öl, in das als Spezialität Brot getunkt wird. Zudem ist es ein angenehm duftendes Pflegemittel für Haut und Haare. Eine klassische Wüste mit Sanddünen ist in Marokko die Ausnahme, am ehesten findet man sie noch im Süden entlang der mauretanischen Grenze oder in der Westsahara. Weit breitet sich die Hammada aus: große, karge Felsflächen von Stein- und Schuttwüsten durchzogen. Tanger. Es riecht nach durchzechten Nächten, nach Kif, dem marokkanischen Haschisch und nach Lebensgier. Tanger - an der Nahtstelle vom christlichen Abendland und dem arabischen Maghreb. Die Ursprünge der Stadt verlieren sich im Mythos: Nach der Sintflut soll die Arche Noah in Tanger angelandet sein. Heute gilt das Tor zu Afrika als Ort voller Drogen und ausschweifender Sitten. Armes, ruppiges Tanger, architektonisch zerfleddert in grauweiße Betonkuben. Während Marokko auf Unabhängigkeit drängte, wurde Tanger als „Internationale Zone“ (1923 bis 1956) von sieben europäischen Nationen, den USA und ein paar marokkanischen Abgeordneten verwaltet – und machte Karriere in der Halbwelt, im Drogenhandel, in der Prostitution und war Tummelplatz von Spionen. Maler, Musiker und Jetset wurden von der Aura Tangers angezogen. Eugène Delacroix und Henri Matisse malten hier, Mick Jagger, Truman Capote und Paul Bowles wohnten in Tanger. Hafenstadt mit Verbindungen zu …

