Textauszug

Zeitlose Weite · Schnurgerade führt das Asphaltband nach Süden, gesäumt von Zäunen, überwölbt von einem zum Greifen nahen Himmel, über den die Sonne als glutroter Ball schwebt und ihre Farben über die dahinjagenden Wolkenfetzen gießt, die wie überirdische Lavaströme leuchten. „Der Horizont ist unbegrenzt wie der eines Ozeans, eine Hütte sieht aus wie ein Haus, ein Baum scheint ebenso hoch wie ein Berg“ schrieb der amerikanische Wissenschaftler W. J. Holland 1912. Und nach wie vor scheint die Zeit stehen zu bleiben, der Horizont nicht näher zu rücken. Nur das Vorbeihuschen der Weidezäune lässt erkennen, dass man sich Richtung Süden bewegt, dem „finis terrae“, dem Ende der Welt entgegen, unwirtlich, dennoch verlockend, abweisend und faszinierend zugleich. „Es ist nicht das Unbekannte, es ist nicht die Einbildungskraft, es ist die Natur in dieser desolaten Szenerie, die uns aus einem Grund, den wir erst nach und nach erkennen, tiefer bewegt als alles andere“, resümierte der Schriftsteller W. H. Hudson Ende des 19. Jahrhunderts in seinem damals viel gelesenen Buch Idle Days in Patagonia. Weite Ebenen, Vulkane und Gletscherströme · Je nach Interpretation umfasst der Begriff Patagonien den Teil Argentiniens und Chiles südlich der Flüsse Río Colorado und Río Bío Bío bis zur Magellanstraße oder einschließlich der südlichen Feuerlandinsel bis hinunter zur Südspitze des Kontinents. Die Entfernungen sind so gewaltig wie die Naturerscheinungen. Gut 2.000 km liegen zwischen dem Ort Río Colorado und Ushuaia, der südlichsten Stadt der Welt. Der größte Teil Argentinisch-Patagoniens ist ein bis auf 1.500 m ansteigendes Tafelland. Mächtige Schichten aus dem Erdzeitalter des Mesozoikums, das etwa 225 bis 60 Millionen Jahre zurückliegt, lagern über dem kristallinen Urgestein des Patagonischen Schildes und zeigen, dass Patagonien einmal vom Meer überflutet war. Zur Zeit der Andenfaltung drang durch unzählige Spalten und Risse dünnflüssige Lava an die Erdoberfläche und legte sich als Basaltdecke über die Sedimente. Später haben die Flüsse auf ihrem Weg von den Anden zum Atlantik tiefe Cañons in die Landschaft geschnitten und sie mit Kies und Geröll bedeckt. Im Osten reichen die Ebenen bis zum Atlantik, brechen dort teilweise in steilen Klippen ab oder laufen in sanften Buchten aus. Im Westen grenzen sie an die Kette der Anden, zu deren Füßen zahlreiche Seen von vergangener Vergletscherung künden. Die Kordilleren selbst, dieser mächtige Gebirgszug, der sich wie der Rücken eines gewaltigen Fossils durch den gesamten südamerikanischen Kontinent zieht, hat nicht mehr die Ausmaße wie im Hochland von Bolivien oder Peru, ist mit seinen schroffen Felsspitzen, den ebenmäßigen Vulkanen und den bis tief in die Ebenen und zum Meer hinab reichenden Gletschern aber von betörender Schönheit. So beeindruckend die Vulkane auch erscheinen mögen, sie bergen nach wie vor tödliche Gefahren. Die meisten schlafen nur, um dann, manchmal nach Hunderten von Jahren, unvermittelt wieder auszubrechen, ihre Lavaströme die Hänge hinunter zu senden und die Landschaft ringsum mit einer dicken Ascheschicht zu bedecken. Als letzter hat sich im Februar 2009 der nur etwas über 1.000 m hohe Chaitén im Süden Chiles geregt. Auch der erhabene, über 3.000 m hohe Llaima, einer der schönsten Vulkane Patagoniens, zeigt immer wieder bedrohliche Aktivitäten. Mit 29 Ausbrüchen im 20. Jahrhundert zählt er zu den aktivsten Feuerbergen der Anden. Letztmalig machte er im Jahre 2008 auf sich aufmerksam. Die vulkanischen Tätigkeiten sind Ergebnis der sich hier aufeinander zu bewegenden tektonischen Platten. Vom Pazifik her schiebt sich die so genannte Nazca-Platte unter die Kontinentalplatte und verursacht Stauchungen und Hebungen als knülle man Packpapier...

