Vorwort von Prof. Dr. Rolf Sachsse (Auszug)

Bevor der Mensch in See stach, konnte er aufrecht gehen; seither ist ihm der Horizont Garant von Richtung und Ankunft. Das Resultat ist eine visuelle Vorstellungswelt, die seit dem späten 18. Jahrhundert panoramatisch, d.h. ganzräumlich, genannt wird: Horizontal unkritisch lässt sich ein jeder Blick nach rechts und links erweitern, bis zum Rundum-Sehen und darüber hinaus. In der Horizontalen erkennen wir Menschen vor allem Helligkeitsunterschiede, weiche Verläufe und Abschattierungen. Vertikal dagegen richtet sich für den Menschen alles Wesentliche aus, wird der kritische Unterschied zwischen Farbtönen und Umrisslinien von Tieren oder Pflanzen gemacht, der im Stolpern, Fliehen, Jagen und Transportieren überlebensnotwendig ist. Für die Seefahrt haben sich derlei frühmenschliche Bedingungen selbstverständlich erhalten: Die Kunst des Segelns ist eine vertikale Beschäftigung höchster Konzentration, und die wichtigsten Gerätschaften zur Orientierung auf See werden nach Höhenwinkeln ausgerichtet. Für das Bildermachen gilt – spätestens mit dem Höhlengleichnis Platos – genau das Gleiche: Die Schatten können horizontal bis in die unendliche Tiefe des Raumes reichen, bedeutend sind allein die Geschehnisse zwischen Mensch und Schatten, hier und jetzt, auf kurze Distanz, vertikal. Der Photograph Herbert Boettcher verweist gern darauf, dass die panoramatische Sicht seiner Kamera dem natürlichen Sehen entspräche – und doch sind es Bilder, die er hier präsentiert, Artefakte von hoher Präzision und ausgefeilter Machart. Und sie sind exakt so organisiert, wie es die Bedingungen des Sehens auf See und zu Land erfordern: im Vordergrund, am unteren Bildrand präzise und scharf, auf wie über dem Horizont eher weich und unbestimmt. Das erste Ergebnis , die erste Sicht aufs Bild ist daher eine Irritation: Über dem Horizont scheint die Perspektive eine andere zu sein als darunter. Wo am unteren Bildrand die Container, Ladeflächen, Luke, Gangways, der Bug, das Heck und viele andere Details in starken Fluchten zur Seite streben und den Eindruck eines Sogs in die Tiefe erwecken, reihen sich am Wolkenhimmel die Elemente scheinbar ruhig nebeneinander, streben nur wenig auseinander. Wer genau hinsieht, bemerkt die Differenz der Schärfen und Unschärfen: Viele der Wolken haben Doppelkonturen, genau in der Distanz des Wellenhubs und seiner Abbildung in der Photographie. Wer einige Male auf Schiffen fuhr, kennt diesen Effekt vom Sehen mit bloßem Auge bei Dämmerlicht, und einige Marinemaler des 18. Jahrhunderts haben die gleiche Verdopplung zur Steigerung der Dramatik eingesetzt. Doch Herbert Boettcher photographiert seine Bilder, und ein großer Unterschied zur Malerei wird hier in den Farben repräsentiert: Containerschiffe haben weiße Brücken und rote Decks, die Container selbst strahlen in den Standardfarben der Metallnormlackierungen, meist rot, blau oder weiß, und dienen obendrein als Werbefläche, mit Logos, Typographie und Hinweisen in allen Handelssprachen dieser Welt. Bei den Farben des Himmels und des Wassers kann er sich auf die Eigenarten seiner Filme verlassen, die kurzwelliges Licht überproportional stark registrieren. Das Resultat ist ein durchgängiger Farbdreiklang aus blau, rot und weiß – nicht umsonst die Farben der Seefahrt. Besonders klar erscheint dieser Farb-Akkord bei einem der Kernbilder des Buchs: die weiße Brücke mit den schwarzen Tauen und roten Kranteilen vor tiefblauer See. Wird das Gelb des künstlichen Lichts in der Nacht hinzu genommen, ist man beim modernen Farbklang der konstruktivistischen Künstler vom Anfang des 20. Jahrhunderts, bei Theo van Doesburg und Piet Mondriaan, aber auch beim Wassily Kandinsky des Bauhauses. Diese Künstler hatten das Grün – und alle Erdfarben ohnehin – von ihrer Palette verbannt, weil es dem technischen Zeitalter nicht mehr entsprach. Noch vor dem Flugzeug war der Ozeandampfer zur Ultima ratio moderner Konstruktivität geworden, und da bedurfte es keiner Erdenhaftung mehr. Wenn Herbert Boettcher denselben Farb-Akkord in seinen Seestücken verwendet, dient es eher als Hinweis darauf, dass die Reederei ein letzter Hort der Schwerindustrie ist, für deren Transporte sie allein sorgen kann. Zudem stellt der Farbklang die Bildnerei des Photographen unbedingt in einen Zusammenhang der Moderne, heute aber eher als Zitat denn in naïvem Fortschrittsglauben...

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