Vorwort von Andreas Bee (Auszug)

Bilder, sagt man, seien wie Fenster, durch die man in eine eigene, oft fremdartig anmutende Welt schauen könne. Gute Bilder heißt es weiter, geben nicht nur den Blick auf eine andere Wirklichkeit frei, sondern sie ermöglichen sogar den Zugang zu tiefen Raumfluchten und ausgedehnten Landschaftspanoramen. Lockt uns also einer dieser gelungenen Aus- oder Einblicke derart, daß wir Lust bekommen, ganz darauf einzugehen und unsere reale Welt für kurze Zeit zu verlassen, so müssen wir uns bemühen, einen Weg zu finden, wie wir in die eigentümliche Welt des Bildes eindringen können. Stellen wir uns also vor, wir steigen wie ein Einbrecher oder heimlicher Liebhaber, vorsichtig und konzentriert, über eine imaginäre Leiter durch eines dieser verführerischen Bildfenster in den dargebotenen Raum ein. ln dem Augenblick, wo wir uns geschmeidig über die Fensterbank schwingen und die Schwelle zwischen hier und dort überschreiten, verschwindet der Rahmen des Kunstwerkes aus unserem Blick. Wir sind im Bild. Haben wir erst elnmal die Seiten gewechselt, können wir für eine Weile vergessen, woher wir kamen und ganz aufgehen in der künstlichen Welt, die nun für uns zur realen geworden ist. Nur lange verweilen können wir dort in der Regel nicht. Zu instabil ist noch das gelungenste Konstrukt. Früher oder später ruft uns die Realität zurück. Wir klettern abermals durch das Fenster, durch das wir vor kurzem gekommen waren. Und nun verschwindet der Rahmen mit dem Wiedereinstieg in die alte Realität zum zweiten Mal. Wenn herkömmliche Bilder wie Fenster funktionieren, dann lassen sich die ,,Vertical Views" von Horst Hamann in Analogie hierzu mit schmalen und hohen Türen vergleichen. Manche dieser Türen scheinen nach außen zu schwingen, andere öffnen sich nach innen. Einige stehen nur einen Spalt breit offen. Ihnen nähert man sich zögerlich. Die meisten jedoch wirken geradezu einladend, wie weit geöffnete, durchlässige Schleusen und ziehen den Betrachter fast unmerklich in den Raum hinein. Wohlgemerkt nicht nur den Blick, sondern den Betrachter als ganzen, als vertikales Subjekt. Bei den Bildern von Horst Hamann muß sich niemand kletternd bemühen und sich durch einen schmalen visuellen oder intellektuellen Spalt Einlass verschaffen. Das Beeindruckende an den hochformatigen Bildern ist ihre Offenheit und Zugänglichkeit. Diese Eigenart gründet in der so simpel und formalistisch anmutenden Drehung der klassischen Panoramakamera von der Horizontalen in die Vertikale. Durch jene einfache, aber wegweisende und in ihrer Wirkung ganz und gar überraschende Wendung wird aus dem Fenster eine Tür. Was sich von den im Bild gemachten Erfahrungen im Alltag verwerten läßt, ist schwer zu sagen. lm Verhältnis 1 : 1 können wir wahrscheinlich kaum etwas übertragen. Die meisten aber, die sich einmal ganz und gar auf die vertikalen Bilder von Horst Hamann eingelassen haben, werden einen Gang durch New York, Hongkong oder Paris mit anderen Augen, Gefühlen und Erwartungen erleben. Auch könnte es sein, dass ihnen in Zukunft das Format einer Fotografie nie mehr gleichgültig ist. Denn sie haben erlebt, dass es ganz leicht sein kann, ins Bild zu gelangen, dass es dazu nicht unbedingt einer Leiter oder anderer Hilfsmittel bedarf. Das entscheidende Experiment, mit dem Hamann der Paradigmenwechsel gelang, fand 1991 im Bryant Park an der 41st Street in New York statt. Hier entstanden mit einer Linhof-Panoramakamera zunächst recht konventionelle, nicht sehr befriedigend horizontale Fotografien mit der Skyline der Metropole im Hintergrund. Sämtliche Aufnahmen wirkten wie begrenzte Ausblicke durch den Seeschlitz eines Panzerwagens. Als Hamann aus Neugier und Freude am Experiment an gleicher Stelle die Kamera einmal um 90 Grad drehte, erhielt er plötzlich Bilder, die im direkten Vergreich mit den horizontalen Ergebnissen derselben Umgebung schockierend anders wirkten. Plötzlich öffnete sich die vordem wie ein schwerer Querriegel darliegende Stadtlandschaft dem Blick. Während noch das Querformat die Skyline weit entfernt und den Zugang zum Bildraum schwierig erscheinen ließ, verkürzte sich im Hochformat die Distanz zwischen Bild und Betrachter auf ein Minimum...

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