Vorwort von Ronald Reng (Auszug)
Wir alle sind schon einmal Weltmeister geworden. Um ehrlich zu sein, ich werde es jede Woche wieder mindestens einmal: Wenn ich am Schreibtisch sitze und eigentlich die Reportage über Russland für eine deutsche Zeitschrift schon längst hätte abgeben sollen. Wenn ich im Theater sitze, und der Großhändler Werle mit seinen Sohn Gregor in Henrik Ibsens „Wildente“ streitet. Wenn ich mit meiner Frau durch die Straßen unserer Stadt gehe, sie fragt, was wir heute Abend machen, ich nur „ja“ murmele und sie fragt: „Aber hörst du mir überhaupt zu?“ Dann bin ich in meinen Gedanken gerade wieder dabei, mich lang zu machen, die Fingerspitzen auszufahren und einen Schuss von Ronaldinho um den Torpfosten zu lenken, ich erkläre auf einer Pressekonferenz, warum es hart, aber logisch ist, dass ich und nicht Oliver Kahn im Tor der deutschen Nationalelf spielt. Sekunden später schon kann es auch sein, dass ich mit einer Engländerin verheiratet bin und als erster Deutscher für England spiele, im Mittelfeld mit Frank Lampard, welch eine Partnerschaft, welch eine Ironie: ein Deutscher, der England endlich wieder zu Weltmeistern macht. Oft würde ich diese Fantasien gerne stoppen, ich will nicht den halben Tag in irgendwelchen Träumereien verbringen. Doch ich bin machtlos dagegen. Es kommt über mich, jeden Moment kann es wieder kommen. Als ich Horst Hamann das erste Mal begegnete, war ich erleichtert: Ich ahnte sofort, er ist noch schlimmer als ich. Wie oft haben seine Tore Deutschland zum Weltmeister gemacht, in der Dunkelkammer, bei irgendwelchen Laudatios auf ihn, die wieder einmal zu lange gerieten, wo auch immer? Wie in uns allen, den Tagträumern, lebt auch in Horst Hamann die Sehnsucht nach dem Fußball fort. Und er war übrigens ein mehr als passabler Spieler, Mittelstürmer des FV 09 Weinheim in der Oberliga Baden-Württemberg, dritthöchste Spielklasse damals, Kopfballtore waren seine Spezialität. Mit 22 Jahren hat er die Karriere beendet, um nach New York zu gehen, Stadt der Sehnsüchte, Stadt ohne Leidenschaft für den Fußball. Er ist bis heute, 25 Jahre nachdem er aufgehört hat zu spielen, ein Fußballer geblieben.Den Instinkt eines großartigen Stürmers, seine Wachsamkeit, seine Fähigkeit, lange zu warten und dann blitzschnell zuzuschnappen, und vor allem seine Verrücktheit, seine Besessenheit, alles für einen Moment zu geben, hat sich Horst Hamann erhalten. Das macht ihn zu solch einem wunderbaren Fotografen. Andreas Bee, der Kurator des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt am Main, war der Erste, dem die Verbindung zwischen Fußball und Fotografie bei Horst Hamann auffiel: „Was hat Horst Hamann mit Gerd Müller, dem großen Stürmer der Siebziger, gemeinsam? Beide konnten nicht stillstehen, beide sind – wenn sie ihren Job machen – mit Leib und Seele bei der Sache, ständig in Bewegung, der eine im Strafraum des Gegners, der andere zwischen den Hochhäusern von New York ... Hier wie dort geht es immer nur um eins: Die Übersicht behalten und schließlich zur rechten Zeit am rechten Ort sein. Und dann noch etwas Glück, und der Schuss sitzt.“Nur ein leidenschaftlicher Mittelstürmer wie Horst Hamann konnte solch ein Herkulesprojekt wie dieses Fotobuch bewältigen. Denn ohne diese Besessenheit – ohne dieses kleine Stück Wahnsinn, wie Horst Hamann gerne bestätigen wird – alles für eine Sache zu tun, wäre „Die Weltmeister“ nie entstanden. Er war nur um ein Beispiel zu nennen, 47 Stunden nach Japan und zurück unterwegs, und musste froh sein, dort 16 Minuten für die Fotos mit zwei Weltmeistern, Guido Buchwald und Pierre Littbarski, zu ergattern. Er wird seine Überzeugung niemals verlieren, dass es das wert war. „Die Weltmeister“ ist eine Hommage an die deutschen Frauen und Männer, die es tatsächlich geworden sind: Fußball-Weltmeister. Das erste und einzige Werk eines Fotografen, das alle noch lebenden Weltmeister umfasst. Es war vor allem eine logistische Herausforderung. Es ist ein bewegendes Zeugnis des Spiels, aber auch deutscher Zeitgeschichte geworden. Dies ist die Zeit der Ironie. Mit Pathos hat man es schwer. Und doch glaube ich fest daran, dass es, wie die große amerikanische Schriftstellerin Susan Sontag einmal sagte, weiterhin eine der wichtigsten und größten menschlichen Fähigkeiten ist: bewundern zu können. Das hat nichts mit blinder Verehrung zu tun. Wir müssen keinen der Weltmeister bedingungslos lieben und natürlich wird uns der eine oder andere unsympathisch sein; sie mögen sich ja selbst nicht einmal alle untereinander. Aber Horst Hamanns Buch ist ein angebrachter Ausdruck unserer Bewunderung für das Besondere, das diese Frauen und Männer 1954, 1974, 1990 und 2003 vollbrachten. Man braucht sich nur einmal zu überlegen, welche famosen Fußballspieler nicht Weltmeister wurden, um die...

