Vorwort von Prof. Dr. Volker Sommer

 

Wer Tiere „vermenschlicht“, wird in der Wissenschaft schief angesehen. Denn klare Grenzen soll man nicht verwischen. Und schon gar nicht die zwischen Natur und Kultur, zwischen Instinkt und Denken, zwischen Genen und Erziehung, zwischen Materie und Geist – eben die Unterscheidung von Tier und Mensch. Außerhalb der Wissenschaft geht es weniger puritanisch zu. Niemand tadelt Frauchen, wenn es erzählt, wie Hundchen sich über ihr Nachhausekommen freut. Oder wie „Waldi“ ein schlechtes Gewissen plagt, weil er den Teppich zerkaute. Solchem Anthropomorphismus erliegen wir umso williger, wenn die Versuchung von unseren allernächsten Verwandten ausgeht: den Menschenaffen. Blickt der Schimpanse reglos drein, halten wir ihn für traurig. Den Orang-Utan haben wir im Verdacht, dass er etwas im Schilde führt. Die Bonobo-Mutter krault, so scheint es uns, ihr Baby äußerst liebevoll. Und dass Gorillakinder Riesenspaß beim Balgen haben – wer wollte das bezweifeln? Derlei Vermenschlichung wird von Wissenschaftlern gern belächelt. Doch der Wind scheint sich langsam zu drehen. Wie einst die traditionelle Anatomie demonstriert nun die moderne Genetik, wie nahe uns speziell andere Primaten hinsichtlich des Körperbaus stehen. Zugleich wird von Disziplinen wie Verhaltens- und Neurobiologie aber auch immer deutlicher herausgearbeitet, dass Affen, ähnlich wie wir, in komplexen mentalen Landschaften zuhause sind. Einst sakrosankte Grenzziehungen werden dadurch immer fraglicher. Und so dürfen auch akademisch Informierte – unter Wahrung von Augenmaß – genau das tun, was einst als Fehltritt von Laien galt: Tiere anthropomorphisieren (also vermenschlichen) und Menschen zoomorphisieren (also vertierlichen). Ob und wie wir die Gegensatzpaare aufweichen – oder eben nicht – hängt von unserer Grundeinstellung ab. Die Philosophie des Alles-oder-Nichts sucht nach Einzigartigem und behauptet entsprechend, dass allein Menschen über Denkvermögen, Werkzeuggebrauch oder Kultur verfügen. Diese Weltanschauung identifiziert qualitative Sprünge – und postuliert unüberbrückbare Unterschiede. Die Philosophie des Mehr-oder-Weniger vertritt hingegen, dass anatomische wie mentale Merkmale eine Geschichte haben, nämlich eine Evolution. Diese Weltanschauung denkt in quantitiven Unterschieden – also fließenden Übergängen. Während also der eher pessimistisch eingestellte Dualist das Glas halb leer sieht, sieht es ein eher optimistischer Gradualist halbvoll. Wer letztere Ansicht teilt, hofft mithin auf längerwährenden Genuss und wird sich wohl recht gerne auf den programmatischen Titel dieses Bandes einlassen: „Menschenaffen wir wir.“ Die darin ausgebreitete Deutung ist das persönliche Bekenntnis eines Verhaltensforschers, der seit drei Jahrzehnten unsere wilde Verwandtschaft in ihrer natürlichen Heimat erforscht. Gepaart sind die Texte mit einer anderen subjektiven Betrachtung: der Fotografie. Jutta Hof hat ihre Porträts in Zoos erarbeitet. Dort konnte sie sich Menschenaffen bis auf Zentimeter nähern – denn dicker ist eine Glasscheibe nicht. Den außergewöhnlichen Aufnahmen wohnt die Magie der Identifikation inne. Die Intensität hat einerseits vielleicht damit zu tun, dass Jutta Hof nicht in Grenzen denkt, sondern dass ihre Studien, wie sie betont, in einem Gefühl der Verbundenheit wurzeln. Andererseits vollziehen auch Betrachter die Verbindung intuitiv nach, weil sie auf einem objektiven Tatbestand beruht: Wir können uns in andere Menschenaffen versetzen, weil wir selbst Menschenaffen sind. Wer möchte, kann die Porträtierten als Botschafter einer modernen Weltsicht verstehen: Eines Naturalismus, der uns selbst wie andere Tiere als Zeugen der Jahrmilliarden alten Geschichte des Lebens auf diesem Planeten begreift. Mit jenen, die gemeinsam mit uns das längste Stück einer langen Evolutionsgeschichte zurückgelegt haben, dürfen wir hier jedenfalls besondere „Augen-Blicke“ teilen.

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